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Vielseitigkeit: Die abwechslungsreiche Pferdesportart

Nur schon beim Zuschauen rutscht so manchem das Herz in die Hose, wenn die Vielseitigkeitsreiter im vollen Galopp über die Geländehindernisse fegen. Da gehört auch beim Vielseitigkeitspferd einiges an Mut und vor allem Vertrauen dazu. Aber nicht nur Schnelligkeit im Gelände ist beim Eventing – wie das Vielseitigkeitsreiten international genannt wird – gefragt, sondern auch Vorsicht im Springparcours und Anmut im Dressurviereck, bei den zwei weiteren Teildisziplinen, welche die Vielseitigkeit vervollständigen. Alles über die Entstehung des vielfältigen Pferdesports und die Teildisziplinen gibt es in dem folgenden Blogbeitrag zu erfahren.

Die Ursprünge des Vielseitigkeitsreiten

Wie so oft im Pferdesport hat auch das Vielseitigkeitsreiten seine Wurzeln beim Militär. Daher stammt der früher oft verwendete Begriff des Military Reitens, der heutzutage aber eher selten in Gebrauch ist. Schnell, ausdauernd und abgehärtet mussten die Pferde für das Militär sein sowie gehorsam die natürlich vorkommenden Hindernisse wie zum Beispiel Baumstämme, Zäune oder Wassergräben überwinden können. Auch heute noch sind beim Vielseitigkeitsreiten die Hindernisse möglichst naturgetreu gebaut und mit Teichen, Hecken, Gräben oder Wallen kombiniert.

Ein leichterer, agiler Pferdetyp mit viel Ausdauer war für diese Aufgabe gefragt, was sich in der damaligen Pferdezucht für das Militär widerspiegelte. Bald kam die Idee auf, Reiter und Pferd auch auf Wettkampfebene gegeneinander antreten zu lassen und die ersten Vielseitigkeitsturniere fanden statt. Allerdings war das Bestreiten dieser Wettkämpfe zuerst den Offizieren aus dem Militär vorbehalten, bis das 1920 geändert wurde.

So hat sich die Vielseitigkeit entwickelt

Das Vielseitigkeitsreiten erlangte schnell an Popularität und war im Jahre 1912 sogar schon zum ersten Mal bei den olympischen Spielen in Stockholm vertreten. Das Reiten der Vielseitigkeitsprüfungen war damals allerdings mit sehr viel mehr Ausdauer verbunden. Neben den Disziplinen Dressur, Springen und Gelände, wie sie heute in der Vielseitigkeit ausgetragen werden, mussten die Teilnehmer außerdem an Tag eins eine Ausdauerprüfung auf der 55 km langen Weg- und Rennstrecken in einer erlaubten Zeit von 4 Stunden zurücklegen und anschließend direkt die 5 km Geländestrecke absolvieren.

Ebenso gab es ein Hindernisrennen über 3,5 km mit 10 Sprüngen an Tag 3, nachdem den Sportlern ein Tag Pause gegönnt wurde. An den weiteren beiden Tagen fanden die Spring- und Dressurprüfungen statt. Jeder kann sicher nachvollziehen, dass dies ausgesprochen anspruchsvoll für Mensch und Tier war und schwere Unfälle mit sich brachte.

Die Unterteilung der Vielseitigkeit in die drei Teildisziplinen beschloss die FEI, welche 1921 gegründet wurde, für die olympischen Spiele 1924 in Paris. Allerdings war die Ausdauerprüfung an Tag zwei mehr als nur die heutige Geländestrecke, denn Renn- und Wegestrecken wechselten sich mit Hindernisstrecken ab. Hier durften dann auch Reiter ohne militärischen Hintergrund starten, wobei die Reiterwelt noch bis 1964 warten musste, um die Zulassung der ersten Frau in der Vielseitigkeit bei Olympia in Tokio zu sehen. Lana DuPont konnte sogleich Mannschaftssilber mit der US-Equipe erreiten.

Vielseitigkeit-Mauer
© Noora Cederberg

Die Geschichte der Vielseitigkeit hat viele schwere Unfälle und sogar Todesfälle zu verschreiben, weswegen die Ausdauerprüfung immer wieder überarbeitet wurde. Vor allem bei den olympischen Spielen in Sydney im Jahre 2000 kam es zu schweren Stürzen, welche mitunter auf die Erschöpfung von Pferd und Reiter zurückzuführen waren. Daher wurde von der FEI beschlossen, die Geländestrecke zu kürzen und die Rennbahn sowie die beiden Wegestrecken mit 12-18 km Länge abzuschaffen.

Zum ersten Mal zum Einsatz kam dieses Kurzformat, welches sich bis heute bewährt hat, in Athen 2004, die olympischen Spiele, welche das Vielseitigkeitsreiten in Deutschland in die Schlagzeilen brachte. Leider gelang dies nicht nur durch den vermeintlichen Gewinn des Mannschaftsgolds für das deutsche Team und des Einzelgolds durch die deutsche Reiterin Bettina Hoy, sondern leider hauptsächlich durch die nachträgliche Aberkennung beider Medaillen. Die Reiterin ritt im Springparcours zweimal über die Startlinie und löste dadurch die Zeitmessung zu früh aus. Nach der Beschwerde anderer Nationen wurde dies mit Zeitstrafpunkten geahndet und reichte nicht mehr für eine Platzierung.

Zu immer mehr Beliebtheit und Popularität gelangt das Vielseitigkeitsreiten in Deutschland unter anderem auch durch namenhafte Reiter wie Michael Jung und Ingrid Klimke. Jung zählt zu den besten Vielseitigkeitsreitern der Welt und konnte dies unter anderem schon durch Einzelgold bei Olympia 2012 und 2016 unter Beweis stellen. Besonders freuen wir uns, dass unsere Teamreiterin Julia Krajewski dieses Jahr bei Olympia in Tokio für das deutsche Vielseitigkeitsteam an den Start geht.

Vielseitigkeit: Die Klassen

Wie in den Pferdesportdisziplinen Dressur und Springen wird auch die Vielseitigkeit in den Klassen E, A, L und M ausgerichtet und international als Concours Complet oder kurz CC bezeichnet. Allerdings gibt es die Klassen M und S so gut wie gar nicht mehr, denn ab der Klasse L wird die Vielseitigkeit meistens als internationale Prüfung (CCI) ausgetragen. Bei den kleineren Klassen finden alle drei Teilprüfungen an ein oder zwei Tagen statt und erst die schweren Klassen werden als Drei-Tages-Event ausgetragen.

Seit 2019 werden die Prüfungen von CCI1* (entspricht Klasse L) bis zu der schwersten Prüfung CCI5*ausgeschrieben. Außerdem gibt es noch die Zusätze S für short und L für long. Die Prüfungen mit dem Zusatz L sind hauptsächlich Qualifikationsprüfungen oder Prüfungen auf großen und wichtigen Turnieren, bei welchen Pferd und Reiter eine längere Geländestrecke mit mehr Hindernissen absolvieren müssen. Ist die Vielseitigkeitsprüfung als long ausgeschrieben, wird die Springprüfung als letzte Teilprüfung durchgeführt. Bei den „kurzen“ Prüfungen hingegen und wenn die Prüfungen auf zwei anstatt drei Tage verteilt werden, kann es auch vorkommen, dass die Geländestrecke und nicht der Springparcours zuletzt geritten wird. Die schwersten Prüfungen in der Vielseitigkeit, die CCI5*, finden nur als long statt.

Die drei Teildisziplinen in der Vielseitigkeit

Denkt man an das Vielseitigkeitsreiten, kommen einem gleich die fast schon angsteinflößenden Geländehindernisse in den Sinn. Dabei wird schnell vergessen, dass zu diesem Pferdesport jedoch viel mehr gehört, nämlich das Reiten einer Dressurprüfung sowie das Überwinden eines Springparcours.

Vielseitigkeit Dressur

Mit der Dressurprüfung an Tag eins wird ein wichtiger Grundbaustein gelegt. Die Wertnote der absolvierten Prüfung wird in Strafpunkte umgerechnet und kann nicht mehr verbessert, sondern nur noch durch fehlerfreie Runden im Gelände und Springen gehalten werden. So hat nicht selten die Dressurprüfung zu Beginn schon über Sieg oder Niederlage entschieden.

Die Dressurprüfungen in der Vielseitigkeit sind etwas abgeändert zu den klassischen Prüfungen. Sie sind in der Regel etwas kürzer gestaltet und die Lektionen einfacher. Versammelte Lektionen werden später verlangt und auch nicht in gleichem Umfang wie im Dressursport. So werden zum Beispiel in der Teilprüfung Dressur auch bei den schwersten Vielseitigkeitsturnieren keine Galopppirouetten, Serienwechsel oder Piaffe und Passage abgefragt.

Vielseitigkeit-Dressur
© Noora Cederberg

Vielseitigkeit Geländestrecke

Der Geländeparcours ist das Herzstück der Vielseitigkeit und verlangt Mensch und Tier körperlich, aber auch psychisch einiges ab. Das Ziel ist es, in der erlaubten Zeit zu bleiben und keine Hindernisfehler zu bekommen, um die erlangten Strafpunkte in der Dressur nicht zu erhöhen.

Das Pferd muss mit abwechselnden Bodenverhältnissen wie Gras, Wasser, Sand oder Lehm klarkommen und vor allem dem Reiter so vertrauen, dass sie die mächtigen Hindernisse ohne Zögern überwinden. Manchmal sieht das Pferd gar nicht, was auf der anderen Seite ist, da in tieferes Wasser gesprungen wird, ein Wall überwunden werden muss, oder ein sehr massiver Sprung die Sicht auf die Strecke danach abschirmt.

Eine Mischung aus Ausdauer, Geschicklichkeit, Mut, aber auch Vertrauen ist gefragt, um die Geländestrecke möglichst fehlerfrei zu überwinden. Die Abstimmung zwischen Pferd und Reiter muss perfekt stimmen, damit aus dem hohen Tempo die Hindernisse passend angeritten und gut überwunden werden können. Jeder, der nur schon einmal zugeschaut hat, weiß wovon ich spreche, gar nicht zu reden von den Reitern, die es selbst schon ausprobiert haben.

Der Cross Country Course, wie die Geländestrecke international genannt wird, ist in den Anforderungen, Länge und gerittenem Tempo an die verschiedene Schwierigkeitsgrade angepasst. In den einfacheren Klassen wird er auch oftmals als Stilprüfung ausgeschrieben, bei welcher die Teilnehmer von den Richtern eine Note bekommen.

Wird nach Fehler und Zeit geritten, ist es wichtig, zwischen Start und Ziellinie in der vorgeschriebenen Zeit zu bleiben, um keine Zeitstrafpunkte zu bekommen. Beim Vielseitigkeitsreiten müssen die Hindernisse in einer festgelegten Reihenfolge und zwischen den Flaggen (rot rechts, weiß links) überwunden werden. Kommt es zu einer Verweigerung oder das Pferd springt nicht zwischen den Flaggen, gibt es ebenfalls Strafpunkte. Auch gefährliches Reiten wird mittlerweile mit Strafpunkten geahndet und soll der Unfallvermeidung dienen.

Leider kommt es im Geländeparcours immer wieder zu schweren Unfällen, weswegen beim Vielseitigkeitsreiten die Hindernisse weiter entschärft wurden. So werden die massiven Sprünge mittlerweile so gebaut, dass sie abwerfbare Teile haben, welche bei stärkerem Kontakt herunterfallen. Das soll die sogenannten Rotationsstürze vermeiden, bei welchen es das Pferd wie einen Purzelbaum über das Hindernis schlägt, sich selbst stark verletzen und den Reiter unter sich begraben kann.

Vielseitigkeit-Gamaschen
© ClipMyHorse.TV

Es ist ausgesprochen wichtig, dass du und dein Pferd bei der Vielseitigkeit die Ausrüstung nach den besten Sicherheitsstandards tragen und sie für die Geländestrecke geeignet ist. Das betrifft beim Pferd die Gamaschen, die nach vorne geschlossen und atmungsaktiv sein sollten.

Für den Reiter ist eine gute Sicherheitsweste auf der Geländestrecke ein absolutes Muss und vor allem auch als Level 3 seit 2011 Pflicht. Besonders beliebt sind die sogenannten Airbag-Westen, die sich bei einem Sturz sofort aufblasen und dem Reiter eine gute Polsterung bieten.

Unsere Airbag- und Sicherheitswesten nach Preisklassen:

Reithelm-Vielseitigkeit

Ebenso spielt der Reithelm bei der Vielseitigkeit auch eine sehr wichtige Rolle. Achte auf einen speziellen Vielseitigkeitshelm und die neusten sowie zugelassenen Sicherheitsstandards, welche immer wieder überarbeitet werden. Ersetze nach einem Sturz den Reithelm umgehend, da ansonsten der Schutz deines wertvollen Kopfes nicht mehr gegeben ist.

Vielseitigkeit Springen

Als letzte Teildisziplin folgt in der Regel das Springen, insofern das Pferd bei der Verfassungsprüfung zugelassen wurde. Hier wird das Pferd ähnlich wie bei dem Vet-Check im Stand, Schritt und Trab begutachtet, um sicherzustellen, dass im Geländeparcours keine Verletzungen davongetragen wurden.

Meistens ist die Startreihenfolge in der letzten Teildisziplin Springen nach umgekehrter Reihenfolge der Rangierung. Das bedeutet, dass der Reiter mit den geringsten Strafpunkten nach Dressur und Gelände als letztes den Springparcours bestreitet und bei einer fehlerfreien Runde die Vielseitigkeit für sich entscheidet. So ist nochmal richtig Nervenkitzel gefragt.

Ähnlich wie bei der Dressurprüfung ist auch der Springparcours etwas einfacher gestaltet als bei den reinen Springprüfungen. Das betrifft die Höhe und Breite der Sprünge, aber auch die Linienführung, welche etwas leichter zu reiten ist. Allerdings stellt diese Teilprüfung trotzdem eine große Herausforderung dar, da die Pferde auf der Geländestrecke die Hindernisse möglichst schnell und so überwinden, dass sie mit den Beinen diese touchieren. Vor allem bei Hecken soll das Pferd „hindurch wischen“, um Zeit und Energie zu sparen.

Die Stangen im Springparcours fallen jedoch bei sehr geringer Berührung und kosten unbeliebte Strafpunkte auf dem Gesamtkonto. Daher ist nochmal größte Konzentration gefragt, wenn es in den Parcours geht, was natürlich ein Tag nach der strapaziösen Geländestrecke alles andere als einfach ist.

Springen-Vielseitigkeit
© Noora Cederberg

Vielseitigkeitsreiten ist sehr anspruchsvoll und verlangt Pferd und Reiter in den verschiedenen Teildisziplinen einiges ab. Nicht verwunderlich also, dass dieser Pferdesport auch als Krone der Reiterei bezeichnet wird. Durch die unterschiedlichen Disziplinen trainieren Pferd und Reiter sehr abwechslungsreich und können davon in vielerlei Hinsicht profitieren.

Fazit

Wenn du noch etwas verunsichert bist, mit deinem Pferd über die festen Hindernisse zu springen, kannst du auch erst einmal klein anfangen. Versuche zum Beispiel, ganz entspannt und ohne Druck durch ein Wasser zu reiten. Wichtig ist, dass du als unerfahrener Reiter einen Trainer an deiner Seite hast, der dich unterstützen kann. Ein vielfältiges Training sorgt nicht nur für mehr Motivation beim Pferd, sondern ermöglicht auch den Aufbau unterschiedlicher Muskelgruppen, was dem Tier in jeder Disziplin zugutekommt.

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    Die Autoren

    Ich bin 29 Jahre alt und liebe es, für euch Beiträge zu schreiben. Vor über 20 Jahren habe ich meine Liebe zu den Pferden entdeckt und diese sogar durch mein Studium Pferdewirtschaft zu meinem Beruf gemacht. Gerade reise ich durch Australien und versuche noch mehr verschiedene und internationale Eindrücke in die Pferdewelt zu bekommen.
    Solltet ihr Wünsche zu bestimmten Themen haben - immer her damit. 🙂

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